ANALYSE: ARBEITSMARKT

Fachkräfte sind keine Kennzahl

Hinter jeder Fachkräftezahl stehen Wege, Entscheidungen und Zeit.

Leerer Ausbildungswerkstatt-Regal mit Werkzeugdetails und ruhigem Tageslicht, ohne Personen.
Fachkräfte sind Wege, Entscheidungen und Zeit.

Fachkräfte sind keine Kennzahl

Die Frage, ob in einer Region genügend Fachkräfte arbeiten, wird meist mit einer Zahl beantwortet: wie viele Menschen beschäftigt sind. Diese Zahl ist einfach zu ermitteln, leicht zu vergleichen und deshalb beliebt. Sie sagt aber vor allem eines: wie viele Arbeitsverhältnisse an einem Stichtag bestehen. Sie sagt wenig darüber, wie diese Verhältnisse entstehen, welche Wege Menschen gehen, welche Entscheidungen dahinterstecken und wie viel Zeit vergeht, bis aus einem Ausbildungsabschluss eine besetzte Stelle wird.

In Frankfurt ist die Beschäftigung hoch, aber sie ist nicht mehr in jeder Hinsicht im Steigen. Woran das liegt und was die Zahlen tatsächlich zeigen, ist eine Frage der Perspektive.

Ein hoher, leicht sinkender Wert

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren in Frankfurt am Main im Februar 2026 647.390 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, gemessen am Arbeitsort. Gegenüber dem Referenzwert vom 30. Juni 2025 mit 651.130 sind das rund 3.740 weniger, ein Rückgang von etwa 0,6 Prozent.1 Der Wert bleibt hoch, aber die Richtung hat sich gedreht.

Zwei Dinge sind bei dieser Zahl zu beachten. Erstens wird sie am Arbeitsort gezählt, also dort, wo die Menschen ihrer Tätigkeit nachgehen, nicht dort, wo sie wohnen. Der Frankfurter Arbeitsmarkt bündelt damit auch Kräfte, die aus dem Umland kommen. Zweitens ist die Reihe monatlich, und der Februar 2026 ist der jüngste ausgewiesene Monat; der Vergleichsstichtag liegt mit dem 30. Juni 2025 acht Monate zurück. Wer diese beiden Werte vergleicht, vergleicht zwei unterschiedliche Zeitpunkte, nicht ein Jahr.

Die Zahl erzählt also von einer Beschäftigung auf hohem Niveau, die zuletzt leicht nachgegeben hat. Ob das der Beginn eines Trends ist, lässt sich aus einem einzelnen Wert nicht ableiten.

Zwei Arbeitslosenquoten

Wer über Fachkräfte spricht, muss auch über die sprechen, die keine Stelle haben. Hier trennt sich die Region. Im August 2026 lag die Arbeitslosenquote in der Stadt Frankfurt am Main nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bei 7,2 Prozent, das waren 32.570 arbeitslose Menschen.2 Für die funktionale Arbeitsmarktregion Frankfurt am Main weist die Bundesagentur dagegen 6,1 Prozent aus, bei 219.580 Arbeitslosen.

Die beiden Werte messen nicht dieselbe Fläche. Die Arbeitsmarktregion ist eine funktionale Abgrenzung der Bundesagentur, die an Pendelbeziehungen ausgerichtet ist; sie ist nicht identisch mit der Planungs- oder Metropolregion FrankfurtRheinMain. Der Unterschied zwischen 7,2 und 6,1 Prozent entsteht, weil die Stadt enger abgegrenzt ist als ihr Umland. Wer nur eine der beiden Quoten nennt, erzählt nur die Hälfte der Geschichte.

Der Unterschied selbst ist eine Aussage über Arbeitswege. Menschen, die in Frankfurt arbeiten, wohnen oft außerhalb. Die Stadt trägt deshalb einen Teil der Arbeitslosigkeit ihres engeren Gebiets, während die Umlandkreise, rechnerisch, besser dastehen. Ob das eine Entlastung oder eine Verschiebung ist, beantwortet die Quote allein nicht.

Hessen: mehr Arbeit, weniger Industrie

Die Beschäftigung folgt unterschiedlichen Bewegungen. In Hessen wuchs die Erwerbstätigkeit 2025 nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamts um 0,2 Prozent auf 3,62 Millionen Menschen, ein Plus von rund 7.600 gegenüber 2024, während der Bundesdurchschnitt praktisch unverändert blieb.3 Die Beschäftigung im Land nahm also zu, wenn auch langsam.

Deutlich mehr als das Gesamtbild interessiert die Struktur. Das Verarbeitende Gewerbe in Hessen beschäftigte 2025 rund 334.700 Personen, 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr.4 Der Rückgang der Industriebeschäftigung steht also gegen einen leichten Anstieg der gesamten Erwerbstätigkeit. Die Region verliert Industriekapazität, ohne sie an anderer Stelle in gleicher Weise zu ersetzen. Diese Werte sind kumulierte, vorläufige Monatswerte; eine Jahreskorrektur ist laut dem Statistischen Landesamt zu erwarten.

Der Befund ist ein Strukturbefund, kein Knappheitsbefund. Dass die Industrie Personal verliert, heißt nicht automatisch, dass Fachkräfte fehlen. Es kann auch heißen, dass Arbeit wandert, wegrationalisiert oder durch andere Tätigkeiten ersetzt wird.

Der Stimmungsindikator

Eine weitere Zahl kommt aus der Unternehmensbefragung. In ihrem Konjunkturbericht für den Bezirk Frankfurt am Main (Frühsommer 2026) weist die IHK Frankfurt am Main für die Beschäftigung einen Saldo von minus 7 Punkten aus, nach minus 2 in der Vorumfrage.5 Der Saldo ist ein Stimmungsmaß auf einer Skala von minus 100 bis plus 100, gebildet aus den Antworten von Aufbau, Gleichbleiben und Abbau. Er ist kein Zähler freier Stellen und kein Maß für geöffnete Vakanzen, sondern ein Indikator dafür, wie Unternehmen künftige Beschäftigung einschätzen.

Dass der Saldo tiefer liegt als zuvor, heißt: Mehr Unternehmen planen Personalabbau oder halten Personal, statt aufzubauen. Es ist eine Absichtserklärung, keine bereits vollzogene Entwicklung.

Zur Beschäftigung der Metropolregion selbst publiziert die IHK im Rahmen der PERFORM-Initiative jährlich eine Beschäftigungs- und Konjunkturprognose.5 Nennenswert ist an dieser Stelle nur, dass ein solches Produkt existiert. Die darin ausgewiesenen Werte sind in dieser Recherche nicht verifiziert und werden hier nicht wiedergegeben. Die Prognose bezieht sich auf die Metropolregion FrankfurtRheinMain, die größer ist als der IHK-Bezirk Frankfurt.

Was die Zahl nicht zeigt

Die Zahlen der Arbeitsmarktstatistik beantworten keine der Fragen, die für eine Fachkräftepolitik zentral wären. Sie sagen nichts darüber, welche Berufsgruppen betroffen sind, wie lange Stellen offen bleiben oder wer am schwersten zu finden ist. Für einzelne Berufsgruppen in der Region liegen uns keine verifizierten Vakanzquoten vor. Eine pauschale Aussage über eine Fachkräftelücke ist damit nicht belegbar.

Mit den vorliegenden Daten lässt sich einiges sagen: Die Beschäftigung ist hoch und zuletzt leicht rückläufig, die Stadt trägt eine höhere Arbeitslosigkeit als ihr funktionales Umland, und die Struktur verändert sich, mit Verlusten in der Industrie. Nicht beantworten lässt sich, ob pflegebedürftige Berufsgruppen, IT-Berufe oder das Handwerk in der Region tatsächlich nicht genug Personal finden. Diese Information müsste berufsbezogen vorliegen, etwa als Vakanzquoten oder als regionalisierte Stellenangebotsdaten, und sie liegt uns nicht vor.

Die Leerstelle ist keine Randnotiz. Wer über Fachkräftesicherung spricht, ohne zu wissen, in welchen Berufen die Differenz liegt, läuft Gefahr, Maßnahmen für ein Problem zu planen, das so nicht gemessen ist.

Zeit, Wege, Entscheidungen

Hinter jeder Fachkräftezahl stehen Wege: Ausbildungen, die Jahre dauern, Umzüge, die Entscheidungen sind, und Stellenwechsel, die Zeit brauchen. Diese Vorgänge tauchen in einer Kennzahl nicht auf, weil sie sich nicht in einem einzigen Wert verdichten lassen. Was die Arbeitsmarkt- und Strukturdaten zeigen, ist ein Zustand an einem Stichtag.

Wäre es sinnvoll, die Debatte auf das zu lenken, was messbar ist? Teilweise ja, denn Zustände sind der Ausgangspunkt jeder Planung. Aber die Zahlen leisten mehr, wenn man sie als das liest, was sie sind: als Momentaufnahmen von Wegen, die lange vor dem Stichtag begonnen haben und danach weiterlaufen. Für die Fachkräftesicherung ist deshalb die entscheidende Frage nicht, wie viele Menschen beschäftigt sind. Sie lautet, welche Wege offen sind und wie lange sie dauern.

Footnotes

  1. Bundesagentur für Arbeit, Statistik der BA: Aktuelle Eckwerte Beschäftigung, sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort, Stadt Frankfurt am Main. Februar 2026 (Datenstand August 2026); Referenzstichtag 30. Juni 2025.

  2. Bundesagentur für Arbeit, Statistik der BA: Aktuelle Eckwerte Arbeitslosigkeit, Stadt Frankfurt am Main, August 2026. Arbeitslosenquote 7,2 Prozent, 32.570 Arbeitslose.

  3. Hessisches Statistisches Landesamt, Erwerbstätigenzahl in Hessen 2025 gestiegen, veröffentlicht am 27. Januar 2026. Erwerbstätige 3,62 Millionen, plus 0,2 Prozent beziehungsweise rund 7.600 gegenüber 2024.

  4. Hessisches Statistisches Landesamt, Verarbeitendes Gewerbe in Hessen im Jahr 2025, veröffentlicht am 26. Februar 2026. Rund 334.700 Beschäftigte, minus 2,8 Prozent; kumulierte, vorläufige Monatswerte.

  5. IHK Frankfurt am Main, Konjunktur im IHK-Bezirk Frankfurt am Main, Frühsommer 2026. Beschäftigungssaldo minus 7 (Vorumfrage minus 2); zur Beschäftigung der Metropolregion verweist die IHK auf die jährliche Beschäftigungs- und Konjunkturprognose der PERFORM-Initiative, deren Werte hier nicht verifiziert und nicht wiedergegeben sind. 2

Quellen und Methodik

  1. 01 Bundesagentur für Arbeit , Beschäftigungsstatistik, Aktuelle Eckwerte , EckwerteTabelleBST, Datenstand August 2026 , Februar 2026, Juni 2025 , Stadt Frankfurt am Main , veröffentlicht 2026-08 , abgerufen 2026-08-28
  2. 02 Bundesagentur für Arbeit , Arbeitslosigkeit, Aktuelle Eckwerte Frankfurt am Main , EckwerteTabelleALOKr, Datenstand August 2026 , August 2026 , Stadt Frankfurt am Main , veröffentlicht 2026-08 , abgerufen 2026-08-28
  3. 03 Bundesagentur für Arbeit , Arbeitslosigkeit, Aktuelle Eckwerte Arbeitsmarktregion Frankfurt a.M. , EckwerteTabelleALOAMR, Datenstand August 2026 , August 2026 , BA-Arbeitsmarktregion Frankfurt a.M. , veröffentlicht 2026-08 , abgerufen 2026-08-28
  4. 04 Hessisches Statistisches Landesamt , Erwerbstätigenzahl in Hessen 2025 gestiegen , Erwerbstätigenrechnung, Berechnungsstand Januar 2026 , 2025 , Hessen , veröffentlicht 2026-01-27 , abgerufen 2026-08-28
  5. 05 Hessisches Statistisches Landesamt , Verarbeitendes Gewerbe in Hessen im Jahr 2025 , Monatsbericht Verarbeitendes Gewerbe , 2025 , Hessen , veröffentlicht 2026-02-26 , abgerufen 2026-08-28
  6. 06 IHK Frankfurt am Main , Konjunktur im IHK-Bezirk Frankfurt am Main, Frühsommer 2026 , Konjunkturbericht (ISSN 1862-216X); Befragung 21.04.-08.05.2026 , Frühsommer 2026 (Vergleich Jahresbeginn 2026) , IHK-Bezirk Frankfurt am Main (Stadt Frankfurt, Hochtaunuskreis, Main-Taunus-Kreis) , veröffentlicht 2026-05-15 , abgerufen 2026-08-28